2 May – 25 June 2026
Die Galerie kajetan freut sich, die nunmehr dritte Einzelausstellung des Künstlers Claude Viallat (*1936 in Nîmes, wo er lebt und arbeitet) zu präsentieren. Viallat zählt zu den prägenden Erneuerern der Malerei, auch im Kontext der französischen Supports/Surfaces-Bewegung*, deren Mitbegründer er war. Die Ausstellung versammelt Arbeiten aus den Jahren 2024 und 2025, in denen sich jene radikale Neubestimmung der Malerei exemplarisch verdichtet, für die Viallat seit den späten 1960er-Jahren steht: die Trennung des Bildträgers vom Keilrahmen, die Hinwendung zu vorgefundenen, gebrauchten oder ausrangierten Stoffen industrieller Herstellung sowie die konsequente Arbeit mit einer seriellen, weder eindeutig organischen noch geometrischen Form, die zu seinem Markenzeichen wurde.

Am Beginn von Viallats Arbeitsprozess steht das zu bearbeitende Material. Die Stoffe – häufig Schenkungen, ausgemusterte Gebrauchstextilien oder von der Industrie ausgesonderte Restposten – sammelt und lagert der Künstler unsortiert in seinem Atelier. Ihre jeweilige Beschaffenheit, Dichte, Struktur und Muster sowie konkreten Widerstände wie Nähte oder Säume bestimmen, wie und in welcher Intensität er Farbe aufträgt.

Viallat trägt diese, stets Acryl, mittels Schablone, Schwamm oder Pinsel auf den Stoff auf – mal pastos, mal durchlässig – und reagiert dabei unmittelbar auf dessen Eigenschaften. Die wiederkehrende Form ist zumeist über den gesamten Bildträger gleichmässig verteilt, sodass eine netzartige All-Over-Struktur entsteht, die einen klassischen Bildaufbau in Frage stellt: Perspektive, Bildzentrum und bildinterne Hierarchisierung treten zurück.

In der Arbeit 331/2025 widersetzt sich zudem der als Bildträger verwendete Stoff in seiner fast trapezartigen Form einer traditionell rechteckigen Bildordnung. Die unten herabhängenden Stoffbänder erweitern das Werk in den Raum und unterlaufen so die Vorstellung eines abgeschlossenen flachen Bildkörpers – die Malerei wird zum Objekt. Viallats serielle Form erscheint hier in dunklem Schwarz, gefüllt mit einem beigen, zurückhaltenden Ton, der auch außerhalb der gesetzten Form wiederkehrt. Die schwarze Kontur erscheint durchlässig, sodass die aufgetragenen Farben sich stellenweise durchdringen und von einem zarten, deckenden Rosa eingefasst sind. Farbe, Form und Träger treten in einen gleichwertigen Dialog, der vom satten Orange des Saums unterstrichen wird. Der verwendete Stoff – vermutlich ehemals eine Schürze – ist nicht mehr reiner, möglichst neutraler Bildträger, sondern wird mit seinen sichtbaren Verschleißspuren ebenso wie in seiner fragmentierten Form – auf die Viallat malerisch mit fragmentiertem Formenraster reagiert – selbst zum bildgebenden Element.

Auch in 374 / 2024 erklärt Viallat den Malgrund, ein floral gemusterter beiger Stoff, zum gleichwertigen Akteur innerhalb des malerischen Bildgefüges. Die in Blau wiederholte Form ist mit stark verdünnter Farbe aufgetragen, die an den Rändern verläuft, in das Gewebe einsickert und als Farbsprenkel auf der Bildfläche erscheint. Das Formelement zeigt sich hier weniger als klar begrenztes Zeichen denn als sensibel in das Material eingelassene Spur. Viallat stört die serielle Anordnung gezielt durch zwei weitere Eingriffe: ein weiß gefasstes, spitz nach unten weisendes Farbfeld „schneidet“ aus der linken Bildecke in das Bildgeschehen, während eine weitere, signalrot gefasste Farbfläche im rechten unteren Bildrand als visuelles, nahezu stoppendes Gegengewicht fungiert. Es entsteht ein Spannungsfeld aus Wiederholung, Materialität und malerischer Intervention.

Fast schon eintönig wirkt dagegen die Arbeit 349/2025. Dabei offenbart sich hier ein zentrales Moment im Werk des Künstlers: er nutzt sein Formenraster, um unsere Wahrnehmung gezielt in Bewegung zu versetzen. Der blaue Stoff des Trägers bleibt in seiner Eigenfarbigkeit und Materialstruktur als malerische Aussparung vollständig präsent, während eine weiße, lasierend aufgetragene Farbschicht grossflächig die stark verdünnte schwarze Kontur der seriellen Form einfasst. Die Zuordnung von Figur (serielle Form) und Grund verschiebt sich fortwährend. Je nach Blick tritt entweder die blaue Fläche des Stoffes als Motiv hervor oder aber die weiß übermalte, von Aussparungen und starken Falten des Malgrunds dominierte Fläche erscheint als das zentrale, da auch vordergründige Bildelement. Die Austauschbarkeit von Figur und Grund erzeugt ein Kippmoment, das die Wahrnehmung instabil hält und jede eindeutige Lesart unterläuft.

Die für Viallat charakteristische, wiederkehrende Form fungiert so nicht als Motiv im klassischen Sinne. Ihre Wirkung entsteht jeweils im Verhältnis zu dem Malgrund als eigenständiges, bildgebendes Element mitsamt seiner Materialgeschichte. Die Wiederholung erzeugt keine Gleichförmigkeit, sondern verweist mal kontrastierend, mal einlassend auf die jeweilige Beschaffenheit der Stoffe. Zugleich verschiebt sich das Verhältnis zwischen Figur und Grund. Die gesetzte Form strukturiert den Bildträger, während dieser sich visuell auch in den Vordergrund drängt, sodass Vorder- und Hintergrund und damit auch die Hierarchie von Malerei und Malgrund aufgelöst scheinen.

Die Arbeiten verweisen auf die Bedingungen ihrer eigenen Entstehung und legen offen, wie sie gemacht sind: aus einer ebenso sensiblen wie expressiven Zusammenführung von vorgefundenem Material, Farbe und malerischem Eingriff, die tradierte Bildvorstellungen unterläuft und die Grenze zwischen Malerei und Objekt ins Wanken versetzt.
Eliza Grabarek
* Die französische Künstlergruppe Supports/Surfaces, zu deren Mitbegründern Claude Viallat zählt, formierte sich 1970 und widmete sich der Untersuchung der grundlegenden Bedingungen der Malerei. Im Zentrum standen Bildträger (support) und Bildoberfläche (surface), deren materielle und strukturelle Eigenschaften als konstitutive Elemente des Bildes begriffen wurden.

Galerie kajetan is pleased to present the third solo exhibition of the artist Claude Viallat (b. 1936 in Nîmes, where he lives and works). Viallat is considered one of the key innovators of painting, also in the context of the French Supports/Surfaces movement*, of which he was a co-founder. The exhibition brings together works from 2024 and 2025 in which the radical redefinition of painting that Viallat has pursued since the late 1960s becomes particularly evident: the separation of the support from the stretcher, the turn towards found, used, or discarded industrial textiles, and the consistent use of a serial form that is neither clearly organic nor geometric, and which has become his hallmark.

At the beginning of Viallat’s working process lies the material itself. The fabrics — often donations, discarded domestic textiles, or remnants from industrial production — are collected and stored unsorted in the artist’s studio. Their specific qualities, density, structure, and patterns, as well as tangible resistances such as seams or hems, determine how and with what intensity he applies paint.

Viallat applies acrylic paint to the fabric using a stencil, sponge, or brush — at times impasto, at others translucent — responding directly to the material’s properties. The recurring form is generally distributed evenly across the entire support, giving rise to a net-like all-over structure that calls into question the conventions of classical composition: perspective, pictorial center, and internal hierarchies recede.

In the work 331/2025, the fabric used as a support, with its almost trapezoidal shape, resists the traditional rectangular format of painting. The fabric strips hanging downwards extend the work into space, thereby undermining the notion of a closed, flat pictorial body — the painting becomes object. Here, Viallat’s serial form appears in deep black, filled with a subdued beige tone that recurs beyond the contours of the form itself. The black outline remains permeable, allowing the applied colors to partially interpenetrate, framed by a delicate, opaque pink. Color, form, and support enter into an equal dialogue, underscored by the saturated orange of the hem. The fabric — presumably once an apron — no longer functions as a neutral support; rather, with its visible signs of wear and its fragmented form —to which Viallat responds painterly with a likewise fragmented formal structure — it becomes a constitutive element of the image.

In 374/2024, Viallat similarly establishes the ground — a beige fabric with a floral pattern — as an equal agent within the pictorial structure. The form, repeated in blue, is applied with heavily diluted paint that bleeds at the edges, seeps into the fabric, and appears as speckled traces across the surface. The form here emerges less as a clearly defined sign than as a sensitive imprint embedded within the material. Viallat deliberately disrupts the serial arrangement through two additional interventions: a white-edged, downward-pointing field of color cuts into the pictorial space from the upper left, while a signal-red form at the lower right acts as a visual counterweight, almost halting the movement. What emerges is a dynamic interplay of repetition, materiality, and painterly intervention.

By contrast, 349/2025 appears more uniform at first glance. Yet here a central aspect of the artist’s practice becomes evident: Viallat employs his formal grid to set perception in motion. The blue fabric remains fully present in its inherent color and materiality as a painterly reserve, while a translucent white layer broadly encloses the heavily diluted black contours of the serial form. The relationship between figure (the serial form) and ground continuously shifts. Depending on the viewer’s gaze, either the blue of the fabric emerges as the primary element, or the white-painted surface — marked by voids and pronounced folds — comes to the fore. This interchangeability produces a perceptual instability that resists any fixed reading.

Viallat’s characteristic recurring form thus does not function as a motif in the classical sense. Its effect arises in relation to the support, which asserts itself as an autonomous, image-generating element with its own material history. Repetition does not produce uniformity; rather, it reveals — at times in contrast, at times in integration — the specific qualities of each textile. At the same time, the relationship between figure and ground shifts. While the applied form structures the support, the support itself visually asserts its presence, so that foreground and background — and with them the hierarchy between painting and support —appear to dissolve.

The works thus point to the conditions of their own making, laying bare how they are constructed: through a process that sensitively yet forcefully brings together found material, color, and painterly intervention, thereby subverting traditional conceptions of the image and destabilizing the boundary between painting and object.
Eliza Grabarek
* The French artist group Supports/Surfaces, of which Claude Viallat was a co-founder, was formed in 1970 and was dedicated to investigating the fundamental conditions of painting. Its focus lay on the support and the surface, whose material and structural properties were understood as constitutive elements of the work.


