12 September – 14 November 2026
Die Galerie kajetan freut sich, mit Transit die zweite Einzelausstellung der deutsch-iranischen Künstlerin Haleh Redjaian (*1971, Frankfurt/Main) in ihren Räumen präsentieren zu dürfen. Die Ausstellung versammelt aktuelle Arbeiten auf Papier und Leinwand, Textilarbeiten sowie eine eigens am Ort entwickelte Wandzeichnung. Ausgehend von Linie und Raster untersucht Redjaian das Zusammenspiel zwischen gesetzter oder gegebener Struktur und einem Ergebnis, dessen endgültige formale Ausprägung sie bewusst offenhält. Ihre geometrisch-abstrakte Formensprache verbindet dabei Einflüsse der westlichen Moderne, etwa des Bauhauses, mit persisch-islamischer Kunst und Architektur, in denen geometrische Muster sowie Symmetrie und Wiederholung eine prägende Rolle spielen.

Besonders anschaulich zeigt sich Redjaians künstlerische Herangehensweise in ihren textilen Arbeiten. Die handgewebten Teppiche lässt die Künstlerin in Kerman im Iran nach vorgegebenen Maßen und mitunter nach eigenen Mustern fertigen. In der handwerklichen Ausführung entstehen dabei Abweichungen: Maße, Formen und Muster können leicht variieren. Auch die Naturwollfäden innerhalb eines Teppichs unterscheiden sich in Farbigkeit und Beschaffenheit, sodass Schattierungen entstehen und sich eine eigene Materialästhetik entwickelt. Was in ihr Atelier zurückkehrt, ist damit nie die reine Umsetzung eines Entwurfs, sondern ein eigenständiger, von den Spuren seiner handwerklichen Herstellung geprägter Träger, auf den die Künstlerin reagiert. Lithografische Drucke und geometrische Formationen aus aufgenähten Fäden bilden weitere Ebenen, die auf das bereits vorhandene stoffliche Gefüge treffen und mit seinen Eigenheiten in einen Dialog treten. Die Lithografie, einmal auf das Gewebe übertragen, lässt keine nachträgliche Korrektur zu. Unterschiedliche Formen von Präzision und Abweichung schreiben sich so in das künstlerische Werk ein.

Die Wandzeichnung Transit (2026), räumlicher Fluchtpunkt wie auch inhaltlicher Verdichtungspunkt der Schau, hat die Künstlerin eigens für die Ausstellung entwickelt. Auf der olivgrauen Stirnwand entsteht innerhalb einer vordefinierten Anzahl von Bohrpunkten ein Geflecht aus überwiegend diagonalen Linien, die Redjaian mit der Schlagschnur direkt auf die Wand setzt. Anders als bei vielen ihrer Wandarbeiten geht dieser Arbeit kein Entwurf voraus – die vertikal angelegten seitlichen Bohrlöcher bilden den Ausgangspunkt, von dem aus die Künstlerin die Komposition entwickelt. Linien kreuzen und verdichten sich, verändern sich in ihrer Neigung, bleiben innerhalb einer sich herausbildenden Ordnung oder brechen aus ihr heraus. Erst im Schaffensprozess selbst entscheidet die Künstlerin, wann die Arbeit für sie einen finalen Zustand – jenen der Balance, wie sie sagt – erreicht hat. Die Schlagschnur verbindet dabei geometrische Präzision mit den Spuren ihrer Anwendung: Neben scharf gesetzten Linien bleiben mitunter staubige, leicht ausfransende Ränder sichtbar.

Auch die Wahrnehmung der Zeichnung bleibt in Bewegung. Je nachdem, worauf sich der Blick richtet, treten entweder die weißen Linien als Figur hervor oder die dunklen Wandflächen zwischen ihnen verdichten sich zu eigenständigen Formen. Figur und Grund können ihre Rollen wechseln – was eben noch Hintergrund war, wird selbst zum Motiv. Die Künstlerin drängt dabei die ästhetische Aufladung, die andere Werkgruppen durch Farbe, Gold, Textil oder Ornament erfahren, bewusst zurück. Damit tritt die dynamisch verzahnte geometrische Struktur prägnant hervor und mit ihr die unterschiedlichen Richtungen, in die ihre ausgreifenden Linien auf nur einer Seite des Zeichenfeldes weisen.

Struktur und Offenheit prägen ebenso Redjaians Arbeitsweise. Ihre Kompositionen entstehen innerhalb gesetzter Parameter, ohne dass ihr Ergebnis vollständig vorweggenommen wäre. Das Raster bildet einen Rahmen, der Abweichungen nicht ausschließt, sondern diese erst sichtbar werden lässt. Zugleich ist das wiederholte Setzen von Linien und Markierungen an einen Rhythmus gebunden: Redjaian zählt dabei Linien und Rasterfelder. In ihrer Auseinandersetzung mit dem iranischen Mustergesang (persisch: Naqshe Khani), dem rhythmischen Singen von Musteranweisungen während des Webens, findet dieses Zählen eine Entsprechung. „Ich zähle, ich singe nicht“ (Haleh Redjaian, zitiert nach Fawz Kabra, White Leaves One and Two on Their Place, 2020), beschreibt die Künstlerin selbst die Verbindung zwischen Zählen und Mustergesang. Wiederholung und Regel erhalten damit neben ihrer formalen auch eine zeitliche und körperliche Dimension.

Aus diesem Verhältnis von Ordnung und Offenheit heraus verweist die Künstlerin mit dem Ausstellungstitel Transit auf einen Zustand des Dazwischen: einen Moment, in dem eine bestehende Ordnung nicht mehr unverändert fortbesteht, eine neue sich jedoch noch nicht herausgebildet hat. Der Titel bezeichnet damit weniger den Übergang von einem Zustand in einen anderen als vielmehr das Verharren in einem offenen Zwischenraum. In diesem gewinnen Entscheidungen und Möglichkeiten an besonderer Bedeutung: Zwischen Setzung und Intuition, Ordnung und Abweichung formieren sich Redjaians Arbeiten immer wieder neu und lassen Zwischenräume entstehen, in denen Veränderung und Verschiebung als Möglichkeiten gegeben sind, sich aber noch nicht vollzogen haben.

Redjaians Praxis knüpft an die geometrische Abstraktion der Moderne und hier insbesondere an die Konkrete Kunst an. Wo diese, vor allem in ihrer rational-mathematischen Ausprägung, auf Ordnung, Serialität und eine Zurücknahme des subjektiven Ausdrucks und der individuellen Handschrift zielte, setzt die Künstlerin dem die sichtbaren Spuren von Handarbeit, die Eigenheiten des Materials und ein nicht vollständig vordefiniertes Ergebnis entgegen. Präzision und Unregelmäßigkeit bilden bei ihr keinen Widerspruch, sondern bestimmen gleichermaßen die formale Ausprägung ihrer Arbeiten.
Eliza Grabarek

Haleh Redjaian
Transit
Galerie kajetan
12 September – 14 November 2026
Galerie kajetan is pleased to present Transit, the second solo exhibition of German-Iranian artist Haleh Redjaian (*1971, Frankfurt am Main). The exhibition brings together recent works on paper and canvas, textile works, and a wall drawing developed specifically for the space. Taking line and grid as her points of departure, Redjaian explores the interplay between imposed or given structures and an outcome whose final formal configuration she deliberately leaves open. Her geometric-abstract visual language brings together influences from Western modernism, including the Bauhaus, with Persian-Islamic art and architecture, in which geometric patterns, symmetry, and repetition play a formative role.

Redjaian’s artistic approach becomes particularly tangible in her textile works. The artist has the handwoven carpets produced in Kerman, Iran, according to specified dimensions and, in some cases, her own patterns. The process of hand production inevitably introduces variations: dimensions, forms, and patterns may differ slightly. The natural wool threads within a single carpet also vary in colour and texture, creating subtle tonal shifts and a distinct material aesthetic. What returns to her studio is therefore never simply the realisation of a design, but an autonomous support bearing the traces of its handcrafted production, to which the artist then responds. Lithographic prints and geometric formations of sewn-on threads introduce further layers that encounter the existing textile structure and enter into dialogue with its particularities. Once transferred onto the fabric, the lithograph allows for no subsequent correction. Different forms of precision and deviation thus become inscribed in the work itself.

The wall drawing Transit (2026), both the spatial focal point and conceptual nexus of the exhibition, was developed by the artist specifically for the show. Across the olive-grey end wall, a network of predominantly diagonal lines emerges from a predefined number of drill holes, the lines snapped directly onto the wall using a chalk line. Unlike many of Redjaian’s wall works, this piece is not based on a preparatory design: the vertically arranged drill holes at either side provide the point of departure from which the artist develops the composition. Lines intersect and accumulate, shift in inclination, remain within an emerging order or break away from it. It is only in the course of making the work that the artist decides when it has reached what she considers its final state — one of balance, as she puts it. The chalk line combines geometric precision with traces of its application: alongside sharply defined lines, dusty, subtly frayed edges occasionally remain visible.

The perception of the drawing likewise remains in flux. Depending on where the gaze settles, either the white lines emerge as figure or the dark areas of wall between them coalesce into forms in their own right. Figure and ground can exchange roles: what was background only a moment ago becomes a motif in itself. Here, the artist deliberately pares back the aesthetic intensification that colour, gold, textile, or ornament lend to other bodies of work. As a result, the dynamically interlocking geometric structure comes sharply to the fore, along with the different directions indicated by the lines extending outward on just one side of the pictorial field.

Structure and openness likewise define Redjaian’s working method. Her compositions take shape within set parameters without their outcome being fully predetermined. The grid provides a framework that does not exclude deviations but instead makes them visible. At the same time, the repeated placement of lines and marks is bound to a rhythm: Redjaian counts lines and grid fields as she proceeds. This counting finds a parallel in her engagement with the Iranian tradition of pattern singing (Persian: Naqshe Khani), in which pattern instructions are sung rhythmically during the weaving process. “I count, I do not sing” (Haleh Redjaian, quoted in Fawz Kabra, White Leaves One and Two on Their Place, 2020), as the artist herself describes the relationship between counting and pattern singing. Repetition and rule thus acquire not only a formal but also a temporal and bodily dimension.

It is out of this relationship between order and openness that the artist, through the exhibition title Transit, points to a state of in-betweenness: a moment in which an existing order no longer persists unchanged, while a new one has yet to take shape. The title therefore refers less to the transition from one state to another than to a lingering within an open interval. Here, decisions and possibilities assume particular significance: between deliberate placement and intuition, order and deviation, Redjaian’s works continually reconfigure themselves, opening up spaces in which change and displacement exist as possibilities but have yet to take place.

Redjaian’s practice engages with the geometric abstraction of modernism and, more specifically, with Concrete Art. Whereas the latter, particularly in its rational and mathematical manifestations, sought order, seriality, and a suppression of subjective expression and the individual hand, Redjaian counters these principles with visible traces of handwork, the particularities of material, and an outcome that is never entirely predetermined. Precision and irregularity are not opposites in her work; rather, they shape the formal articulation of her pieces in equal measure.
Eliza Grabarek

print on Hahnemühle Baryta paper, graphite, and wax | 200 x 90 cm | Courtesy Haleh Redjaian & kajetan Berlin

